Was ist überhaupt Psychotherapie – und wie verstehen Sie Psychotherapie, Herr Hein?

Die einen sehen in den Psychotherapeutinnen und –therapeuten moderne Nachfahren der Schamanen, der Medizinmänner, später der Priester und Seelsorger, die einen Teil von deren Aufgaben übernommen haben – meint doch Psychotherapie so viel wie „Behandlung der Seele“. Andere sehen in der Psychotherapie die Anwendung und Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse - in Analogie zur Technik als Anwendung und Umsetzung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse. Was ist nun richtig?

Handelt es sich vielleicht um eine falsche Alternative? Viele Ergebnisse der Forschung und der wissenschaftlichen Entwicklung der Psychotherapie sind für meine Arbeit unverzichtbar, andere schon. Aber auf der Grundlage von Wissenschaft allein gelingt noch keine Psychotherapie. Worum es mir geht ist die Begleitung und Förderung meiner Patienten bei ihrer inneren Entwicklung. Dazu gehören so altmodische Qualitäten wie Einfühlung und Anteilnahme, aber auch und vor allem die stete Bemühung, zusammen mit dem Patienten zu verstehen, was in der Therapie eigentlich vorgeht - nicht zuletzt vor dem Hintergrund meiner eigenen Lebens-, Selbst- und Therapieerfahrung. Und verstehen heißt hier vor allem, seine eigenen Gefühle und Reaktionsweisen (besser) zu verstehen. Was verstanden werden kann, kann leichter beeinflusst und verändert werden.