Was muss man sich denn unter einer psychotherapeutischen Behandlung vorstellen, Herr Hein?

Eine grundsätzliche Vorbemerkung muss sein.

In Untersuchungen aus der Psychotherapieforschung hat sich vielfach gezeigt, dass Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, die über viele Jahre hinweg in ihrem Beruf tätig sind, sich in ihrer Arbeitsweise mehr und mehr von lehrbuchmäßigem Vorgehen lösen. Das ist bei mir nach vierzig Berufsjahren nicht anders.

Dabei bleibt meine grundsätzliche Ausrichtung die psychoanalytisch-psychodynamische Therapietradition, die auf Sigmund Freud zurückgeht. Aber sie wird (wie ich meine) bereichert durch die anderen Therapietraditionen, mit denen ich im Laufe der Zeit in Berührung gekommen bin: der verhaltenstherapeutischen, der humanistischen und der sogenannten systemischen. Letztere ist besonders bei Paar- und Familientherapien hilfreich.

Noch etwas ist mir wichtig:

Unsere seelische Struktur ist unsere je eigene Weise „die Welt anzuschauen“, d. h. unsere „Weltanschauung“. Auf der Grundlage dieser „Weltanschauung“ müssen wir uns unvermeidlich mit existentiellen Fragen auseinandersetzen – vom Erwachsenwerden und der Übernahme von Verantwortung über die Wahrnehmung unserer inneren und äußeren Grenzen bis zu schweren Verlusten, Krankheit, Sterben und Tod. Damit berührt unser Welt- und Selbstverständnis vielfach Fragestellungen, mit denen sich die Philosophie seit Jahrtausenden befasst. Philosophisches Denken erweitert den Blick auf unser Ich und seine Welt.

Eine andere, zusätzliche Erweiterung stellt sich ein, wenn wir unsere seelischen Probleme vor dem Hintergrund unserer sozialen Lage und gesellschaftlicher Entwicklungen - also soziologischer Gegebenheiten - betrachten. Die Soziologie ist eine Nachbarwissenschaft der Psychologie und ihre Fragestellungen berühren und überschneiden sich an vielen Stellen.

Beide Perspektiven, die philosophische wie die soziologische, sind seit vielen Jahren Bestandteil meines psychotherapeutischen Denkens.